Hebeltechniken

Kansetsu-Waza

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Die Verwendung von Hebeltechniken (Kansetsu-Waza) im Karate hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Ein Grund hierfür ist wohl besonders in dem wachsenden Interesse an der Analyse (Bunkai) der Kata und Entschlüsselung der enthaltenen Anwendungen zu finden. In diesem Bereich bilden Hebel oft ein interessantes Werkzeug, um zuvor sinnlos anmutende Techniken zweckgemäß interpretieren zu können. Darüber hinaus eröffnen sie auch neue Perspektiven bekannter Techniken und Kombinationen.

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Allerdings ist die Vermittlung von Hebeltechniken besonders auf Lehrgängen meist stark am Einzelfall orientiert. Die Hebeltechnik wird einzig für den aktuellen Anwendungsfall erklärt. Dieser Umstand stellt den Schüler häufig vor das Problem, dass er zwar eine effektive Anwendung erlernt hat, diese aber kaum von der Kata separieren und in seinen sonstigen Trainingsprozess integrieren kann.

Funakoshi Gichin schreib in seinem Meistertext hierzu ziemlich eindeutig:

„Im Karate sind Schläge, Stöße und Tritte nicht die einzigen Instrumente, Wurftechniken und der Druck auf Gelenke sind ebenfalls enthalten.“
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Hebel Klasse 1
Der Drehpunkt befindet sich zwischen der Kraft und der Last

Ebenso demonstrieren andere Karatemeister dieser Zeit, wie etwa Mabuni Kenwa, Nakasone Genwa, Mutsu Mizohu oder Choki Motobu ganz selbstverständlich Hebeltechniken und Würfe in ihren Büchern.

Die häufig zu hörende Aussage, dass Hebeltechniken nicht ins Karate gehörten, dürfte damit wohl eindeutig entkräftet sein.

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Hebel Klasse 2
Die Last liegt zwischen der Kraft und dem Drehpunkt

Ein Hebel besteht grundsätzlich aus drei Komponenten: einem Drehpunkt, einer wirkenden Kraft und einer Last.

Wichtig ist, dass die Hebeltechniken von Anfang an in einem sinnvollen System erlernt werden. Hierzu muss man sich zuerst einmal über die physikalischen Grundlagen eines Hebels klar werden. Denn nur mit dieser Basis ist es möglich, später die Möglichkeiten und Grenzen von Hebeltechniken im Kampf zu erkennen.

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Hebel Klasse 3
Die Kraft wirkt zwischen Last und Drehpunkt

Doch auch bei regelmäßiger und gewissenhafter Übung sind Hebel keineswegs die kämpferische Allzweckwaffe. Ebenso wie bei Schlägen, Stößen, Tritten, Würfen und alle anderen Techniken gibt es auch bei Hebeln zahlreiche Abwehr und Kontertechniken. Dass dieses Wissen grundsätzlich auch im Karate existiert zeigt ein Blick in Mabuni Kenwas „Sêpai no Kenkyû“ (Forschungen zur Sêpai) von 1934. Darin zeigt Mabuni eine Abwehr gegen einen umgekehrten Riegelstreckhebel und wiederum einen möglichen Konter auf diese Abwehr.

Bei regelmäßiger Übung können Hebel, ebenso wie Würfe oder Griffe, einen bedeutenden Anteil im Kampfrepertoire des Karateka darstellen. Die Thematik ist an sich schon ausgesprochen interessant und liefert selbst für ein tief greifendes Studium genügend Stoff.

Da Kansetsu-Waza nachweislich auch von den alten Meistern verwendet wurden, stellt ein grundlegendes Wissen um diese Techniken - besonders im Bereich der Kata-Analyse - ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel dar…

Auszug aus Matthias Golinskis Seite: www.tsuru.de